RUDL ENDRIß

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Eine Reminiszenz an Tage außerhalb der Zeit

Rudl ist für mich schon immer ein »wahrer« Künstler gewesen in dem Sinne, als dass sein Kunstschaffen aus einer deutlich spürbaren inneren Notwendigkeit heraus geschieht. Bis zum heutigen Tage bin ich keinem Menschen begegnet, der mir als so »unerschöpflich« in seiner künstlerischen Arbeit erscheint. »Emsig«, »unermüdlich«, manchmal sogar auch »ungeduldig« sind die Worte, die mir einfallen, wenn ich an ihn »in seinem Element« denke.

Wobei seine Ungeduld niemals eine hektische, auf Zeitdruck begründete ist, sie wird bei ihm eher von einer unstillbaren Neugierde und einer nie enden wollenden Freude am Schaffen genährt. Wenn in Rudl eine Idee aufleuchtet, so möchte er sie am liebsten sofort in die Tat umsetzen.

Vor meinem inneren Auge sehe ich diesen Moment ganz klar – den Moment, in dem seine stahlblauen Augen aufblitzen und sich ein Grinsen über sein ganzes Gesicht (von einem Ohrring zum anderen) zieht.

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Als Karin mich bat, etwas für Rudls Jahreskatalog zu verfassen, wollte ich mir zunächst einmal einen Überblick über seine Arbeiten der vergangenen Jahre verschaffen. Wenn man überlegt, dass ich nun auch schon ein Vierteljahrhundert auf diesem Planeten verweile, so kommt in dieser Zeit doch ein recht ansehnliches Oeuvre zusammen. Durch die Bewegtheit in meinem persönlichen Leben der letzten Jahre – insbesondere aber durch den Stillstand und die Beschneidungen des Alltagslebens der vergangenen Monate – kenne ich viele seiner aktuelleren Arbeiten leider nur anhand von Fotografien.

Als mich Rudl und Karin nach dem Corona-Lockdown in Halle besuchten, wurde ich auf Karins Kamera auf einige Aufnahmen verschiedener Werk-Zyklen aufmerksam, die mir aufgrund ihrer unkoventionellen Ausstellungssituation sofort ins Auge fielen. Es handelte sich um die jüngste Retrospektive im Söchtenauer Gasthaus »Zur Post«. Der gesamte Speisesaal wurde als Ausstellungsraum umkonzipiert – auf den schier endlos langen, mit weißen Tischdecken überzogenen Speisetafeln wurden kleinformatigere Skulpturen exponiert, an den Längsseiten der Räumlichkeiten, entlang der Wände, waren Gemälde auf Stuhlreihen und auf der Festbühne einzelne großformatigere Plastiken sowie eine weitere – meinen persönlichen Höhepunkt der Ausstellung markierende – Skulpturenformation präsentiert. Das Komische und zugleich Faszinierende an der Ausstellungssituation war, so schien es zumindest mir, dass der Ausstellungsraum, seiner ursprünglichen Bedeutung und Funktion so stark entfremdet, nichts von der sonst mit ihm assoziierten menschlichen Wärme, der Lautstärke und willkommen heißenden Atmosphäre einer Gaststätte eingebüßt zu haben schien. Dies mag vor allem an dem vorwiegend figürlichen Charakter der Plastiken liegen, die nun anstelle der Menschen im Speisesaal aufeinander trafen und miteinander im Austausch zu stehen schienen; auf einen humoristischen Höhepunkt getrieben durch eine aufgereihte Gruppe an Perücken-Skulpturen mit Frisuren jeglicher Form und Couleur, die von der Festbühne aus auf ihr unbelebtes Publikum blickten wie eine Schar junger Mädchen, die umsonst darauf wartet, dass man(n) sie zum Tanz auffordere.
Rudl hat nichts von seinem Witz verloren. Nichts von seinem glasklaren Blick auf Menschen, der durch jahrelanges Beobachten, Zuhören und Hinsehen geschärft wurde. Mir war klar, dass er sich auch nicht von einer Pandemie in seinem Schaffen würde bremsen lassen. Und so musste ich schmunzeln, als ich auf Karins Fotografien den Umfang an Holzfiguren, die zur Zeit des Lockdowns produziert wurden, nur erahnen konnte – ich musste an Michel denken, Michel aus Lönneberga, der in aller Seelenruhe in seinem Schuppen sitzt und weiter schnitzt, ganz gleich, was die Welt dort draußen noch an Herausforderungen und Hindernissen für ihn bereithalten wird. Ich möchte ihm danken für dieses Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Kräfte, darin, dass am Ende alles gut ist. Und ich freue mich darauf, Rudl so bald wie möglich zu besuchen – in Begleitung meiner kleinen Tochter, auf dass dieses Vertrauen auch auf sie abfärben möge. Ich möchte mich mit ihr auf eine jener sonnenbeschienenen Skulpturen legen, die Augen schließen, das Moos unter meinen Fingernägeln spüren, die würzige Waldluft atmen – sie an den Ort bringen, an dem ich lernte, einfach sein zu dürfen, unbeeindruckt vom Fortlauf der Zeit und dem Zirkus der menschlichen Existenz.

Anna Akaltin
Halle, September 2020, Textauszug                                                                                                         

  • seit 1985 -2021 zahlreiche Ausstellungen im öffentlichen Raum und auf dem Werksgelände in Söchtenau
  • 2001 Ausstellungsgestaltung für das Museum Schloss Amerang
  • 1988 – 94 Ausstellungsgestaltung für das Haus der Bayerischen Geschichte
  • 1993 Schlaganfall
  • ab 1987 Dozent an der Fachhochschule Rosenheim, Fachbereich Innenarchitektur
  • 1970 – 87 Lehrer an der staatllichen Fachlehrerausbildung in München-Ramersdorf
  • 1963 -74 Studium der Naturwissenschaften, Pädagogik, Kunst an der Universität München
  • 1943 in München geboren

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